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Mit 10 kg unterwegs auf dem Camino del Norte – der weniger bekannten Küstenversion des Jakobswegs durch das spanische Baskenland. Es war ein „Reinschnuppern“ in fünf Tagen. Mit 135 km von San Sebastian nach Bilbao. Vielfältigen Eindrücken und Erlebnissen. Und es macht Lust auf mehr !

Eigentlich wollten wir den Camino de Santiago erst erwandern, wenn der anhaltende Hype sich irgendwann aufgelöst hätte. Aber die Anziehungskraft scheint ungebrochen. Und wir waren „eben mal“ im Baskenland. So verstauten wir nach einem kurzen Spanisch-Sprachkurs im wunderschönen San Sebastian die eine Hälfte unseres Gepäcks in einem Hotel, schnallten uns den Rest auf den Rücken und verließen entlang des Prachtstrandes La Concha die Stadt.

Schon bald treffen wir Italiener, Spanier, Franzosen, Amerikaner und deutsche Mit-Pilger auf diesem nicht ganz unanstrengenden Weg.  Unterwegs mit Blasen, Wanderstöcken, wundersamen aber praktischen Hutregenschirmen, ganzen Zelten, Isomatten, Schlafsächen, Trinkflaschen und jede Menge „Gedöns“,  das morgens zum Trocknen auf den Rucksack gehängt wird. Und später hier und da den Weg verziert. Manch einer zieht ganze Handwagen hinter sich her, die so perfektioniert sind, dass wir trotzdem locker abgehängt werden. „Buon Camino“ ist schnell ein vertrauter und verbindender Gruß und spätestens an den Trinkwasserstationen – meist irgendwelche Wasserhähne oder Schläuche am Wegesrand – kommen wir ins Gespräch. Woher wir kommen? wohin es geht? und manchmal mehr. Dann geht jeder weiter seines Weges. In seinem Tempo, im eigenen Rhythmus. Bis zum nächsten Café, das in der einsamen Landschaft plötzlich auftaucht. Oder einer idyllischen Wiese mit Blick auf die Weite des Ozeans, die zur Mittagsrast einlädt.

Ein junger Franzose wird nach 35 km seines ersten Tages in den Knochen und diversen Blasen an den Füßen sogar richtig gesprächig. Er will in 10 Tagen von Irun bis Santander laufen, von wo ihn seine Freundin abholen würde. Sollte er dies schaffen – und wir haben ihm wirklich die Daumen gedrückt – wollte er dort seiner Freundin einen Heiratsantrag machen! Das erinnerte uns ein wenig an „große Abenteuer und Aufgaben, die Märchenhelden erfüllen müssen, um ihre Prinzessin am Ende zu ehelichen“. Andere sind weniger „beladen“, sondern wollen einfach eine schöne gemeinsame Zeit zusammen haben. Wie Mutter und Tochter aus der Nähe von Milano, die uns freimütig erzählen, dass sie abends ein komfortables Hotel den genauso kommunikativen wie „abenteuerlichen“ Albergos vorziehen. Das ist auch unsere Strategie – zumindest für diese Reise.

Am dritten Tag haben wir uns an das Gewicht auf unserem Rücken und den Weg gewöhnt. Trotz ständigem auf und ab und Nachmittags-Temperaturen bis zu 35 Grad ! Das bedeutet spätestens um 8 Uhr loslaufen (manch einer war da schon 2 Stunden unterwegs) und gegen 15.30 am Etappenziel ankommen. Und zwischendurch 3-4 Liter Wasser in sich hinein zu schütten, um sich am Ende auf „una cerveza grande“ zu freuen wie auf ein Festmahl.  Duschen (gleich mit den Klamotten), Ausruhen. Abendessen. Ermattet – aber sehr zufrieden – einschlafen. So kommt schnell Rhythmus in diese Tage. Und mehr braucht es nicht.

Ein junger Deutscher, der gerade Wohnung und Job gekündigt hatte, beeindruckt mich sehr mit dem fast schon philosophischen Satz „Der Weg ist mein zu Hause“. Da hatte ich richtig was zum Nachdenken… Auch wenn irgendwann „Denken“ trotz des vielen schweigsamen Laufens in den Hintergrund tritt. Wir sind reduziert auf das „Da Sein“ und die banalen Fragen: Wo gehts lang? Wo ist die nächste Trinkstation? Gibt es irgendwo vielleicht einen Cortado? Wo werden wir übernachten und schaffen wir es bis dahin? Halten die Füße und der Rücken ? Manchmal sind wir aber auch einfach überwältigt von der Schönheit der Landschaft, einer besonderen Blume am Wegesrand oder dem Rauschen der Blätter. Oder man ist dankbar für die Kühle und Stille in einer mittelalterlichen Klosterkirche. Oder für die Gesänge von Mönchen am Morgen.

Über atemberaubende Küstenabschnitte, Weinberge, stille Wälder und Wiesengebiete, durch die quirligen Küstenstädte Zarautz und Deba sowie die verschlafeneren Hinterland-Orte Markina-Xemein und Guernica-Lumo, haben wir es tatsächlich bis Bilbao geschafft! Die letzen 10 km durch Industriegebiete und Vorstadtstraßen haben wir uns die komfortablere Metro „gegönnt“. Ein Tag Ausruhen war hier dringend notwendig und ist auch nicht nur wegen des Guggenheim-Musuems sehr empfehlenswert. Danach hätte es (noch ein bißchen) weiter gehen können. Vielleicht nicht gerade die 690 km, die uns noch bis nach Santiago de Compostela, dem eigentlichen Zielort, fehlten. Frei nach dem Motto „Der Weg ist das Ziel“ haben wir auch auf jegliche Wanderstempel verzichtet. Eher ist es die Sehnsucht nach Einfachheit, Stille, Natur, Bewegung, Rhythmus, spontanen und schönen Begegnungen und ein bißchen Abenteuer die uns wieder auf den einen oder anderen (Pilger-)weg führen wird.

Vielleicht hast du ähnliche Erfahrungen beim Wandern oder Pilgern gemacht ? Was hat dir gefehlt und was hättest du besser zu Hause gelassen ? Welche Fragen haben dich bewegt ? Was hat dich besonders berührt ?